Die Tretmine wurde am späten Vormittag des zweiten Veranstaltungstages gelegt. Deutsches Institut für Urbanistik, Deutscher Städtetag und EVVC hatten Anfang Februar zur inzwischen fünften gemeinsamen Fachtagung nach Berlin eingeladen, diesmal zum anspruchsvollen Themenkomplex: „Profit Center Veranstaltungshallen! Wirtschaftsförderung-Ergebnisoptimierung-Wertschöpfung“.
Nach dem vorangegangenen Vortrags - Auf und Ab von nachvollziehbaren Best Practices, selbstbewusster Eigenwerbung und bedeutungsvollen Nähkästchenoffenbarungen präsentierte Ralf Kunze, Dozent am EITW, Europäisches Institut für Tagungswirtschaft GmbH, Hochschule Harz, Wernigerode, unter dem unverfänglichen Titel „Regionale Wertschöpfung durch Veranstaltungscentren“ den Versuch eines Vergleichs bisher veröffentlichter Umwegrentabilitätsberechnungsstudien aus dem deutschen Tagungsmarkt, vorgeführt auf einem einzigen Power Point-Chart mit ein paar konkreten und doch unwahrscheinlichen Zahlen, vornehmlich aber mit vielen Fragezeichen.
Denn ein Vergleich ist praktisch nicht möglich, so die Erkenntnis von Kunze, weil jede Studie nach anderen Methoden angelegt ist; „auftraggeberinteressengeleitet“ wurde später in der Diskussion dazu gesagt. Selbst bei sorgfältiger aber kritischer Betrachtung kommt man nicht umhin, entweder die Glaubwürdigkeit (Validity) und/oder Nachvollziehbarkeit (Reliability) zu vermissen: welche Location, welche Typen von Veranstaltungen, welche Teilnehmerstrukturen, welche monetären Faktoren werden gezählt und wie werden sie gewichtet?
Damit soll die redliche Absicht der einzelnen Unterfangen nicht in Frage gestellt werden, aber sieht man die durchgängig optimismusstrotzenden Ergebnisse, schwankt man zwischen Staunen und Unbehagen, Kunze sprach von einem „Chaos der Zahlen“. Es fehlen transparente, d.h. glaubwürdige, verbindliche, allgemeingültige Systematiken, Maßstäbe und Definitionen; lokale oder regionale Besonderheiten können dann immer noch – getrennt - ausgewiesen werden. Klar, das sahen die Verbände, Joachim König für den EVVC und Dr. Peter Neven für den AUMA in ihren Wortmeldungen auch so, immerhin kann letzterer mit der jahrelang umkämpften aber inzwischen anerkannten FKM „Freiwilligen Kontrolle der Messezahlen“ - ja erste Ansätze einer soliden Beweisführung vorweisen. Aber das ist nicht genug. Kunze appellierte an die versammelten Zuhörer von kommunalen Verwaltungen und Veranstaltungszentren, die Initiative zu ergreifen, durchaus mit koordinierender Unterstützung des EVVC, und sich auf einheitliche, zumindest aber nachprüfbare Kriterien zu einigen.
Da trifft es sich gut, dass ein Kenner der Materie zur kritischen Distanz aufruft, Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Als „Illusion der Gewissheit“ kritisiert er die in Politik und Öffentlichkeit um sich greifende Zahlengläubigkeit, verbreitet durch einen wachsenden „statistischen Analphabetismus“ (FAZ, 09.02.2011), die uns zu falschen Schlüssen verleitet.
Natürlich ist es verlockend, mit einer geballten Ladung Zahlen zusätzlicher Room-Nights für die örtliche Hotellerie oder veritabler Kaufkraftzuflüsse allenthalben, die letztlich sogar als Steuern im Stadtsäckel münden (Pay-Back-Mentalität), unsere Bedeutung, die Berechtigung der Zuschüsse oder gar die Notwendigkeit von Investitionen zu begründen. Aber Hand aufs Herz, bei sorgfältiger Lektüre der Wirtschaftlichkeitsstudien gibt es mehr Fragen als Antworten. Deshalb ist der Appell von Kunze zu mehr Ehrlichkeit ernst zu nehmen, will unsere Branche nicht Gefahr laufen, durch unfundierten allzu lautstarken Umwegrentabulistikjubel Reputation und Akzeptanz zu verlieren.
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