Ein deutsches Familienunternehmen feiert im November 2011 sein 75-jähriges Bestehen. Seine Geschichte ist eng verbunden mit dem Standort Kippenheim und dem Schwarzwald, und sie spiegelt in besonderer Weise die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Stühle und Tische aus Holz, Stahl und Kunststoff bilden seit 1957 das Kerngeschäft der Hiller Objektmöbel GmbH. Mehr noch: Mit dem Zusammenschluss zur Schneeweiss AG Interior umfasst das Leistungsspektrum alle Produktions- und Logistikstufen von Konzeption und Beratung über Entwicklung und Konstruktion bis zur Fertigung und Auslieferung. Der Grad der Fertigungstiefe liegt bei 75 Prozent. Heute steht der Name Hiller für Innovation, Tradition und Flexibilität, und das Unternehmen gehört zu den drei führenden Herstellern von Objektmöbeln in Europa.
Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens basiert von Beginn an auf der Umtriebigkeit und dem Eifer seiner Wegweiser und ihren weitsichtigen Entscheidungen. Im November 1936 gründen die Brüder Erich und Herbert Hiller zwischen Schmieheim und Kippenheim die Erich Hiller & Co. oHG zur Herstellung von Wollbesen und Holzdrehwaren für den Haushalt. Erich Hiller hatte Auto- und Maschinenbau studiert und brachte das Patent für die vollautomatische Wollverstanzung mit ein. Zur Unternehmensgründung erhält er von der Firma Geiger in Ludwigshafen für seine über Jahre unentgeltliche Mitarbeit und als Dank für die Entwicklung einer automatischen Drehmaschine für Holz eine Holzdrehbank. Herbert Hiller übernimmt den kaufmännischen Part.
Das Geschäft läuft gut an, nicht zuletzt, weil Hiller von der Erfindung säurehärtender Lacke liest. Mit ihnen überzieht er seine Teller, Dosen, Schalen und Vasen aus Holz, so dass sie sich problemlos mit Spülwasser reinigen lassen. Schon ein Jahr nach Geschäftsgründung reicht eine Drehbank nicht mehr aus, um all die Aufträge auszuführen. So kauft Hiller alle verfügbaren Drehbänke der Umgebung auf und lehrt den arbeitslosen Bauernsöhnen in der Region das Drehen. Nach dem Krieg erobern sich die von Hiller produzierten Holzteile, zum Beispiel auch Kinderbetten, Lampen und Spinnräder, die Wohnungen der französischen Besatzer. Als es der Marshallplan 1948 Deutschland allerdings ermöglicht, wieder auf die Beine zu kommen, steht Hiller vor dem Nichts: Nahezu alle Holzreserven sind aufgebraucht, das französische Kundenpotenzial verschwunden.
Neubeginn: Objektmöbel als Kernkompetenz
Mit großem Feingefühl für die Stimmung in Deutschland nach dem Krieg sucht und findet Hiller einen neuen Markt. Nach der Kälte des Krieges und dem Auseinanderbrechen vieler Familien sehnen sich die Deutschen nach Gemeinschaft. An Tischen konnten sie wieder zusammenkommen, und zu den Tischen brauchte man Stühle. So fertigt Hiller aus dem Buchenrestholz und dem Kunstharzlack, mit denen er vor dem Krieg Haushaltswaren produzierte, abwaschbare Brauereitische und passende Bauernstühle, die in den Gaststätten steten Absatz finden. 1950 nennt sich die Firma bereits Stuhl- und Tischfabrik; 1957 verkauft Hiller das Patent und die Wollbesenproduktion und setzt komplett auf Möbel.
Jahr für Jahr verbucht das Unternehmen Zuwächse, die sich in der Erweiterung des Produktionsgeländes zwischen Kippenheim und Schmieheim und der Modernisierung der Fertigung widerspiegeln. In den 1950er Jahren gilt es für Hiller, dem zunehmenden Konkurrenzdruck aus Billiglohnländern zu begegnen. Mit einer eigenen Gattersäge sichert sich die Firma Unabhängigkeit von Sägewerken; eine eigene Schlosserei legt den Grundstein für die Produktion von Stahlrohrstühlen, die 1961 anläuft. Damit profitiert auch Hiller von den Wirtschaftswunderjahren, in denen sich nahezu jede Gemeinde eine eigene Mehrzweckhalle leistet.
Erich Hiller, der seit 1960 nach dem Tod seines Bruders die Firma allein weiterführt, ruht sich nicht aus auf der Erfolgswelle. Er entwickelt den ersten Klapptisch und macht die Stapelfähigkeit von Holzstühlen salonfähig. Das ursprünglich regional begrenzte Absatzgebiet erweitert sich rasch, und genau 28 Jahre nach Unternehmensgründung knackt der Umsatz die Eine-Millionen-DM-Marke.
Rolf Hiller: Investition und Innovation
Am 1. Januar 1975 übernimmt Rolf Hiller die elterliche Firma. Der junge Mann ist weltoffen und informiert sich auf Auslandsreisen über den neuesten Stand der Holzmöbelproduktion und der Stahlgestellfertigung, nicht ohne die Belange des eigenen Unternehmens aus den Augen zu verlieren. In der Folge entwickelt Hiller mit dem Klapptischbeschlag „DeltaStat“, der bis heute im „Tisch 105“ im Einsatz ist, und dem verwindungsfähigen Schichtholzrahmen „GenioFlex“ zwei wesentliche technische Alleinstellungsmerkmale, die das Unternehmen patentrechtlich schützen lässt und mit denen es gelingt, die Führungsrolle in Deutschland zu übernehmen. Ausgestattet mit „GenioFlex“ avanciert der in den 1980er Jahren entwickelte Objektstuhl „Elena“ weltweit zu einem Klassiker; das Millionste Exemplar verkauft Hiller im Januar 2008.
Wie sein Vater Erich muss aber auch Rolf Hiller Rückschläge einstecken. 1986 brennt das gerade eingeweihte Büro- und Verwaltungsgebäude nieder. Rolf Hiller nutzt die Katastrophe jedoch, um neu anzufangen und die Verwaltung komplett auf EDV umzustellen. Schon 1990 erwirtschaftet Hiller mit 142 Mitarbeitern einen Umsatz von 24 Mio. DM. Die Jahresproduktion liegt bei 35.000 Tischen und 120.000 Stühlen. Zum ersten Mal steht das Unternehmen bei der Orgatec in Köln auf der Ausstellerliste.
In den 1990er Jahren entstehen auf der anderen Seite der Kreisstraße in Kippenheim ein Holzlagerplatz und eine Brücke über der Straße, die das Firmengelände mit dem Holzlagerplatz verbindet. Als einzigartige Investition in der Branche gilt 1994 die Installation einer Lack-in-Lack-Anlage. Sie recycelt den reichlich anfallenden und normalerweise zu entsorgenden Lack-Sprüh-Nebel für die Wiederverwendung. Acht Jahre später sichert innovative Technik erneut den Vorsprung und erhöht die Fertigungstiefe: Stoffcutter schneiden die für die Polster verwendeten Stoffbahnen so effektiv, dass kaum Abfall anfällt.
Rechtzeitig kümmert sich Rolf Hiller um eine Nachfolge für das erfolgreiche Unternehmen. 2002 verkauft er 60 Prozent der Firmenanteile und zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück. Dennoch stellt er zusammen mit den Geschäftsführern einer Schweizer Investorengruppe weiter die Weichen des Unternehmens.
Jürgen Dreher: Wachstum und Expansion
2004 übernimmt Jürgen Dreher die Geschäftsführung bei Hiller. Er erkennt die Potenziale des Objektmöbelgeschäftes und macht sich daran, das Unternehmen international zukunftsfähig auszurichten. Mit dem Zukauf des auf das Gründungsjahr 1921 zurückgehenden Objektmöbelherstellers Braun Lockenhaus, Österreich, unternimmt Hiller 2005 den ersten Schritt zum Aufbau einer europäischen Objektmöbelgruppe und zur Erschließung neuer Marktsegmente.
Am 1. November 2006 machen Jürgen Dreher und der Prokurist Alexander Allgaier die Hiller-Gruppe erneut zu einem inhabergeführten Unternehmen. Sie übernehmen 62 Prozent der Unternehmensanteile. Die Familie Hiller bleibt mit Anteilen in Höhe von 38 Prozent Gesellschafter. Im Jahr 2007 verbucht Hiller den bis dato größten Auftrag in der Firmengeschichte. Das Unternehmen liefert 7.750 individuell hergestellte Stühle mit dem patentierten elektronischen Informationssystem „itech“ und 1.500 Tische an das multifunktionale „m:congress center Rosengarten“ in Mannheim. Mit einer Produktionskapazität von 250.000 Stühlen und 40.000 Tischen und einem Umsatz von 34 Millionen Euro gehört die Hiller-Gruppe bereits Ende 2007 zu den drei größten Herstellern von Objektmöbeln in Europa. Der Exportanteil liegt bei 23 und die Fertigungstiefe bei 74 Prozent. Die Ursache für das Wachstum: konsequentes Innovationsmanagement.
Im Sommer 2008 überführt Hiller das Know-how seiner hoch effektiv arbeitenden Entwicklungsabteilung in das als Tochtergesellschaft geführte Design- und Entwicklungsbüro Atelier Schneeweiss mit Sitz im 400 Jahre alten Schloss Schmieheim. Unter dessen Führung entsteht der Messestand für die Orgatec 2008 in Köln, der als eigene Referenz für die Hiller-Gruppe weltweit Aufsehen erregt. Die Messe selbst wird mit der Präsentation der „Stresemann“-Kollektion und des „itech“-Infosystems nach zwölf Jahren Messeabstinenz ein Riesenerfolg.
Das Jahr 2009 steht ganz im Zeichen der Expansion. Zum 1. Oktober übernimmt die Hiller-Gruppe die Aktivitäten der Edelstahlmanufaktur Rosconi in Weilburg. Durch die Übernahme wächst sie auf rund 265 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von 40 Millionen Euro. Am 12. November gründen die Hiller-Gruppe und die Logistikgruppe Wildt, Ettenheim, die „widra logistik GmbH“, um den nötigen Einfluss darauf zu nehmen, wie die Produkte ausgeliefert, montiert und gebrauchsfertig übergeben werden. Das mit einem Investitionsvolumen von rund 1,5 Millionen Euro zur Anschaffung von sechs LKWs und zehn Aufliegern startende Unternehmen schafft 20 neue Arbeitsplätze.
Die Schneeweiss AG Interior: Wieder ein Familienunternehmen
Im August 2010 wird aus der Hiller-Gruppe die Schneeweiss AG Interior. Die neue Unternehmensform erhöht den Handlungsspielraum, um langfristig die flexible Kapitalanpassung an die weitere Expansion der Unternehmensgruppe sicherzustellen und um Fertigungstiefe, Innovationskraft und Exportvolumen weiter wettbewerbsfähig auszubauen. Gleichzeitig wollen die Vorstände Jürgen Dreher und Alexander Allgaier die mit hoher Wertschätzung verbundene Tradition fortführen, das inhabergeführte Familienunternehmen zu erhalten. Im Herbst 2011 übernehmen sie alle Anteile; Jürgen Dreher wird als Vorstandsvorsitzender Mehrheitsgesellschafter.
In seinem Rückblick zum 75-jährigen Bestehen von Hiller Objektmöbel würdigt er die Leistungen seiner Vorgänger: „Mit Hiller haben wir hier die perfekte Substanz vorgefunden, um die strategischen Erweiterungen vorzunehmen und Wachstum zu generieren. Hiller ist die Keimzelle der Schneeweiss AG Interior. Ohne das von Erich und Herbert Hiller vor 75 Jahren gegründete Unternehmen und die Innovationskraft von Rolf Hiller gäbe es auch keine Schneeweiss AG.“
Für den Vorstandsvorsitzenden gibt es kaum etwas Schöneres, als die Entwicklung des Unternehmens vom heutigen Standpunkt aus noch einmal Revue passieren zu lassen. Dabei ist er besonders stolz auf den Fortschritt in den letzten sieben Jahren, in denen der Umsatz von 19 auf 41 Millionen Euro und die Mitarbeiterzahl von 150 auf 285 wuchsen. Damit gelang es, auch die anfangs kritischen Stimmen zum Schweigen zu bringen. Heute ist das Unternehmen sogar in der Lage, Ladenbau-Kollektionen für Hugo Boss herzustellen oder VIP-Lounges in den Arenen in Kaiserslautern und Mainz auszustatten.
Für die Zukunft wünscht sich Dreher, dass sich vor allem junge Leute von der Entwicklung seines Unternehmens motiviert fühlen und noch mehr Visionen in die Realität umsetzen: „Hiller hat sich mit der Schneeweiss AG Interior zu einem ‚EinfallsReich’ gewandelt, das jungen Kreativen mit Gespür für die Zukunft und Sinn für Tradition Tür und Tor öffnet.“
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